Vor einigen Wochen hat mich Monika Schratt vor dem Pfaffelbräu getroffen und gefragt, ob ich bei der Gedenkveranstaltung der Omas gegen Rechtsextremismus am Denkmal am Haus der Begegnung sprechen möchte. Natürlich hab ich mich darüber gefreut, dass sie mir das zutraut, aber ich habe mich auch ein wenig ertappt gefühlt.
Denn bei meinen Stadtführungen in Pfaffenhofen lasse ich das Denkmal immer aus.
Und das ganz bewusst. Und zwar deswegen, weil ich bei Stadtführungen in München gelernt habe, dass man dieses Thema nicht wieder loswird.
Weil es sich wie ein klebriger Schatten auf die Stimmung in der Gruppe legt – und das zu Recht, angesichts von all dem Terror und der Verbrechen des Nationalsozialismus.
Und so habe ich das Denkmal bisher tatsächlich nur einmal in eine Führung eingebaut. Und das nur, weil ich 2017 Kolleginnen und Kollegen für die Kleine Landesgartenschau ausbilden durfte – und von denen nachdrücklich dazu aufgefordert wurde, diese Station auch vorzustellen.
Also bin ich in Vorbereitung der heutigen Veranstaltung noch einmal bewusst hierhergekommen und habe mir die verschiedenen Schautafeln angesehen. Was mich besonders bewegt hat, war das Bild der Pfaffenhofener SA beim Hitlerputsch. Man sieht, dass das vor allem junge Burschen waren. Teile der jüngeren Generation.
Und auch heute sind es leider wieder viele junge Leute, bei denen Gewalt-Phantasien, Missgunst und Hass verfangen. Die die Welt in Gut und Böse, in Freund und Feind aufteilen möchten, in Schwarz und Weiß, weil sie die Welt in ihrer Buntheit – die sie nun einmal hat – verwirrt und überfordert.
Und deshalb bin ich besonders froh, dass es heute so viele Omas gibt, die Haltung zeigen. Weil Omas gerade zu zornigen, jungen Leuten oft einen Zugang finden, der anderen verschlossen ist.
Etwas anderes, das mir bei meinem Besuch des Denkmals aufgefallen ist, war das Zitat von Martin Hirsch das dort zu lesen ist. Dieses Zitat lautet so:
Wer versucht, das Böse unter den Teppich zu kehren, wird früher oder später erleben, daß dieses Böse – je schlimmer es ist, um so kräftiger – unter dem Teppich zerstörend, dann höchst unangenehm an die Oberfläche kommt.
Dieses Unter-den-Teppich-Kehren findet sich ganz ähnlich in dem bekannten Satz des Spanische Philosophen George Santayana der sagte:
Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.
Für mich sind solche Überlegungen zum Umgang mit der Vergangenheit besonders spannend, weil sie zu der Frage führen, ob wir überhaupt aus der Geschichte lernen können, vor allem für unsere Engagement gegen die heutigen demokratie-feindlichen Strömungen.
Fragt man einen Historiker, ob wir aus der Geschichte lernen können, lautet de Antwort der Wissenschaft einhellig: Vielleicht könnten wir, aber wir scheinen es nicht zu tun.
Was bei diesen Aussagen aber mit Geschichte gemeint ist, ist die „große“ Geschichte, die von den Entscheidungen weniger mächtiger Männer und Frauen erzählt.
Ich glaube aber, dass man aus der Geschichte, Verstanden als Menschheitsgeschichteetwas anderes sehr wohl lernen kann.
Als Beispiel möchte ich das Buch „Wem die Stunde schlägt“ von dem späteren Literatur-Nobelpreisträger Ernest Hemingway anführen. Darin beschreibt er auch seine eigenen Erfahrungen als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten.
Vor seine Erzählung hat er ein Gedicht gesetzt. Geschrieben hat es der Englischer Dichter John Donne im Jahr 1624, ein Gedicht, das damals also bereits über 400 Jahre alt war. Und das einen Gedanken ausdrückt, der so alt ist wie die Menschheit selbst. In dem Gedicht heißt es:
Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. (…) Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.
Diesen Leitgedanken als Inspiration für den militanten, antifaschistischen Kampf wählte Hemingway 1940. Als der Spanische Bürgerkrieg gegen die Faschisten bereits verloren war.
Vor allem weil andere demokratische Staaten die spanische Republik nicht militärisch unterstützen wollten.
1940 also, als die Nazis im Zweiten Weltkrieg weite Teile Europas erobert hatten, von Frankreich bis Polen von Norwegen bis Griechenland, setzt Hemingway dem Krieg ein Bekenntnis zur Menschlichkeit entgegen.
So schlimm ist es heute freilich bei Weitem nicht. Aber wir spüren, dass unsere offene Gesellschaft angegriffen wird.
Es ist aber unsere Entscheidung, ob wir uns von der systematischen Angstmachereianstecken lassen, oder ob wir uns ihr mit der von Hemingway beschworenen Solidarität und zwischenmenschlichen Wärme entgegenstellen.
Ich möchte deshalb kurz zurück kommen auf den Ausbildungskurs zur kleinen Landesgartenschau. Ich habe damals also davon gesprochen, was in Pfaffenhofen geschehen ist. Was ich durch die verdienstvolle Forschung von Reinhard Haiplik wusste. Aber natürlich ist das belastend.
Ich habe also während ich sprach nach einer Möglichkeit gesucht, einen Dreh zu finden, hier am Denkmal mit etwas Positiven und Hoffnungsspendenden zu enden. Dann habe ich mich an die Farbzeichnungen von Korbinian Aigner erinnert, dem früheren Kaplan von Ilmmünster und Lehrer im Kloster Scheyern.
Und damit war mir auch klar, wie ich aus der Nummer mit meiner Gruppe wieder wohlbehalten rauskomme. Ich hab also davon erzählt, wie Korbinian Aigner als Hitler-Gegner ins KZ Dachau gebracht worden war – und wie er dort umgeben von Grausamkeit und Qual – zwischen den Baracken kleine Apfelbäumchen pflanzte und sogar neue Apfelsorten züchtete.
Der Apfelpfarrer hatte durch sein inspirierendes Beispiel meine Gruppe vor dem schädlichen Einfluss der Nazis beschützt – und wir konnten inhaltlich sogar noch einen Bogen zur Landesgartenschau schlagen.
Lasst uns in der Konfrontation mit Antidemokraten vor allem auf die Werte konzentrieren, die wir verteidigen möchten. Die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen, dass wir freundlich zueinander sind, lieber einmal zu oft lächeln, eine Umgebung schaffen, in der alle Kinder behütet groß werden können.
Ich hoffe, dass wir in diesem Sinn aus der Geschichte lernen, dass wir uns von Menschlichkeit und einer liebevollen Zuwendung an das Leben inspirieren lassen, Werte, die es wert sind auch entschiedenen verteidigt werden zu werden.
Deshalb: Seien wir freundliche, offenherzige, aber auch wehrhafte Demokratinnen und Demokraten. Vielen Dank!